Ob heterogene IT-Landschaften mit unterschiedlicher User-Experience (UX), divergierende Daten­modelle oder relevante Sicherheitsaspekte: Die Herausforderungen für Anwender sind enorm. Im Gespräch gehen Steffen Pietsch, DSAG-Vorstand Technologie, und Jürgen Müller, Chief Technology Officer (CTO) und Mitglied des Vorstands der SAP SE, den derzeit drängendsten Fragen nach.

Steffen Pietsch, DSAG-Technologievorstand

Die Akquisitionen im SAP-Portfolio führen zu heterogenen IT-Landschaften mit unterschiedlicher User-Experience (UX). Warum ist das für die Anwender problematisch?

Steffen Pietsch: Es kostet Zeit und verursacht Aufwand, sich in verschiedenen Benutzeroberflächen zurechtzufinden, und die Wahrscheinlichkeit von Bedienfehlern wächst. Die unterschiedliche Benennung von gleichen Feldern und Buttons oder verschiedene Icons für die gleiche Funktionalität sind hierfür ein gutes Beispiel. Zeitgleich steigt der IT-Aufwand, wenn zunächst sichergestellt werden muss, dass unterschiedliche User-Interface-Technologien auf zahlreichen Endgeräten im Anwenderunternehmen funktionieren müssen.

Herr Müller, welchen Stellenwert haben die Harmonisierung des Portfolios und produktübergreifende Standards aktuell?

Jürgen Müller: Einen großen Stellenwert! Wir hören deutlich, was unsere Kunden hier erwarten. Für 2020 haben wir uns daher u. a. auf die Fahne geschrieben, die User-Experience über die zentralen End-to-End-Geschäftsprozesse hinweg zu harmonisieren. Auf unserer Technologiekonferenz „SAP TechEd“ wurde SAP Fiori 3 als gemeinsames Design-Konzept für ein konsistentes und modernes Nutzungserlebnis entlang unserer Applikationen bereits vorgestellt. Das heißt ganz konkret für unsere Kunden: Wir arbeiten kontinuierlich daran, die Icons, Farben, Themen, Navigationsverhalten usw. für unsere Lösungen zu vereinheitlichen. Nehmen Sie zum Beispiel den Lead-to-Cash-Geschäftsprozess, für den wir schon dieses Jahr eine einheitliche Nutzeroberfläche für die SAP Sales Cloud und die SAP Marketing Cloud umgesetzt haben und im nächsten Jahr weitere Lösungen vorantreiben. Die Ziele zum Thema UX sind übrigens in den Roadmaps auf sap.com festgehalten.

Steffen Pietsch

Steffen Pietsch ist seit Oktober 2018 DSAG-Vorstand Technologie. Von 2009 bis Dezember 2018 war er Sprecher des Arbeitskreises Development. Hauptberuflich verantwortet er in der Haufe Group den Bereich Business Applications.

Herr Pietsch, warum ist die Cloud für Sie ein Enabler der digitalen Transformation, aber letztendlich kein Allheilmittel?

Pietsch: Als Enabler auf Infrastruktur- oder Platform-as-a-Service-Ebene bietet die Cloud Zugang zu unbeschränkter Rechen- und Speicherkapazität – und das zu attraktiven Konditionen. Dies ermöglicht den Kunden, individuelle Geschäftsanwendungen zu entwickeln und zu betreiben, die zur Differenzierung am Markt beitragen. Der Einsatz von Software-as-a-Service-Lösungen bietet zudem schnellen Zugang zu Anwendungen – einschließlich einfacher Möglichkeiten, die Software zu wechseln. Dabei ist die Cloud „Mittel zum Zweck“ und kein Selbstzweck. Wenn bisher gut funktionierende Applikationen On-Premise eingesetzt wurden, ist der Tausch gegen eine funktional eingeschränktere und schlecht inte­grierte Cloud-Anwendung nicht zielführend.

 

Wo muss SAP noch nachbessern?

Pietsch: Es fehlen teils klare Roadmaps, welches Produkt strategisch weiterentwickelt wird, und welches in den Wartungsmodus wechselt. Diese Situation wird noch verschärft, sowohl im technischen als auch im kaufmännischen Sinn, durch unzureichende Migrationsstrategien zwischen den Produkten. Wir fordern belastbare Roadmaps, die Investitionssicherheit bieten. Bei Änderungen in der Produktstrategie sollten zudem entsprechende Migrationspfade bereitgestellt und aufwendige Neuimplementierungen vermieden werden. Zu guter Letzt können z. B. aufgrund regulatorischer Rahmenbedingungen nicht alle Kunden Cloud-Lösungen einsetzen. Deshalb fordern wir: Cloud-first ja, Cloud-only nein!

 

Herr Müller, wie lassen sich diese aktuellen Forderungen der DSAG-Mitglieder mit der SAP-Cloud-Strategie vereinbaren?

Müller: Ich kann Steffen Pietschs letztem Satz nur beipflichten – gerade im Hinblick auf Europa. Daher versuchen wir, unseren Kunden bestmögliche Flexibilität zu bieten, und arbeiten u. a. mit den führenden Anbietern für Cloud-Plattformen zusammen. Als Unternehmen mit mehr als 437.000 Kunden stellen wir fest, dass die Cloud enormes Entwicklungspotenzial für Unternehmen bietet. Die Cloud hat sowohl Produkte, Geschäftsmodelle und Märkte als auch Technologien verändert. Gleichzeitig lassen wir die On-Premise-Investitionen unserer Kunden nicht außer Acht. So sehen wir vor allem eine steigende globale Nachfrage nach hybriden IT-Landschaften. Letztendlich gilt es, unsere Kunden individuell dort abzuholen, wo sie stehen, und ihnen den kurz-, mittel- und langfristigen Weg in die Cloud zu ermöglichen.

Jürgen Müller, Chief Technology Officer (CTO) und Mitglied des Vorstands der SAP SE

Herr Pietsch, mit den eingangs erwähnten Akquisitionen im SAP-Portfolio gehen unterschiedliche Datenmodelle einher. Warum sind diese problematisch?

Pietsch: Typischerweise basieren Geschäftsprozesse auf mehreren Anwendungen, die interagieren. Wenn die verwendeten Datenmodelle nicht zusammenpassen, ist das vergleichbar mit einem Spielzeughaus, das ich aus LEGO- und DUPLO-Steinen zusammenbaue: Nicht alle Steine passen zueinander und ein immenser Mehraufwand wird nötig, um ein stimmiges Gesamtbild zu erzielen. Übertragen auf SAP-Software bedeutet das: Die Datenmodelle der akquirierten Anwendungen passen in Feldlängen oder Bezeichnungen und in ihrer Bedeutung und Ausprägung nicht zusammen. Die Konsequenz daraus spürt das gesamte Unternehmen. Integration ist aufwendig, teuer und fehleranfällig. Es kann daher nicht die Aufgabe der Kunden sein, die unterschiedlichen Datenmodelle zu harmonisieren.

 

Jürgen Müller

Jürgen Müller ist seit 2013 in SAP-­Führungspositionen tätig. Er ist Mitglied des Vorstands der SAP SE und leitet den Bereich Technologie und Innovation. Als Chief Technology Officer (CTO) ist er für die gesamte Plattform- und Technologieentwicklung verantwort­lich.

Herr Müller, wie beurteilen Sie die Situation in Bezug auf die Datenmodelle und was wird SAP in diesem Bereich unternehmen?

Müller: In harmonisierten Datenmodellen liegt für uns der Schlüssel zur Integration. Daher ist es ein unternehmensweites Thema mit höchster Priorität. Wir haben dafür ein breites Engineering-Programm aufgestellt. In enger Zusammenarbeit mit unseren Kunden wird es die Integration über gesamte Geschäftsprozesse hinweg vorantreiben. In diesem Kontext planen wir, mit SAP Graph, eine einheitliche Schnittstelle (API) für den einfachen und direkten Zugang zu ausgewählten Geschäftsdaten und -prozessen innerhalb der intelligenten Suite bereitzustellen. Und schließlich setzen wir voll auf die SAP Cloud Platform als zentralen Baustein für die nahtlose Integration und Erweiterung unserer Applikationen.

 

Herr Pietsch, inwiefern sehen Sie bei der Integration noch Nachholbedarf seitens SAP?

Pietsch: Der Einsatz von Cloud-Anwendungen trägt zur Heterogenität des Anwendungsportfolios bei und die Anzahl der Partnerunternehmen steigt kontinuierlich bei vielen Kunden. Die eigentliche Wertschöpfung beginnt jedoch häufig erst, wenn die Applikationen durchgängig integriert sind. Wir erwarten von SAP, dass sich die Applikationen als „good citizen“ in unsere heterogenen Systemlandschaften einfügen. Damit dies auf technischer Ebene gelingt, muss SAP konsequent eine API-first-Strategie etablieren – für Cloud- und On-Premise-Produkte. Diese APIs müssen funktional vollständig, gut dokumentiert und zentral katalogisiert sein. Von SAP fordern wir für die Integration von zwei oder mehr SAP-Lösungen zusätzlich semantische Integration, d. h. den Einsatz kompatibler Datenmodelle. Es darf nicht einfacher sein, eine Drittanbieterlösung mit einem SAP-Produkt zu integrieren als zwei SAP-Lösungen.

 

Herr Müller, warum tut sich SAP schwer, die Integration angemessen umzusetzen?

Müller: Wir stellen den Entwicklern über den SAP API Business Hub einen zentralen API-Katalog zur Verfügung. Dort sind nicht nur APIs für einzelne Systeme gelistet, sondern auch eine Vielzahl von Integrationsszenarien, die unsere Cloud- und On-Premise-Lösungen miteinander verbinden. Ein zukünftiger wichtiger Meilenstein wird auch der bereits angesprochene SAP Graph sein. Hinzu kommt: Mit der Business Technology Platform bewegen wir uns genau in die angesprochene Richtung von Offenheit und Flexibilität, um heterogene Landschaften zu integrieren. Nehmen Sie beispielsweise die Open Connectors auf der SAP Cloud Platform, die technischen und semantischen Content für Drittsysteme bereitstellen.

 

Herr Pietsch, Sie bescheinigen der SAP-Software sicher zu sein, vorausgesetzt sie ist richtig konfiguriert. Welchen Handlungsbedarf verbinden Sie damit für SAP?

Pietsch: Es ist problematisch, dass im Auslieferungszustand SAP-Software nicht immer sicher konfiguriert ist. Die Kunden müssen ihre Systeme mit hoher fachlicher Kompetenz selbst sicher konfigurieren und halten. Bei vielen SAP-Lösungen und -Komponenten kann das komplex sein. Erschwerend kommt hinzu, dass SAP unterschiedliche Informationsquellen zu Security-Patches und Sicherheitseinstellungen bietet. Daher wünschen wir uns, dass die Informationen zur SAP-Sicherheit an einer zentralen Stelle zusammengeführt werden, und eine Tool-seitige Unterstützung und Automatisierung im SAP-Standard beim Sicherheits-Management, z. B. in Form von Dash­boards. Abschließend fordern wir einheitliche Security-Standards, die durchgängig angewendet werden. Dazu zählen u. a. der Einsatz eines einheitlichen Security-Event-Loggings, Zugriff auf Änderungsbelege in sämtlichen Lösungen und ein einheitliches Key-Management-Verfahren in Cloud-Lösungen.

 

Herr Müller, diese Forderung der DSAG ist nicht neu. Welche Pläne verfolgt SAP hier?

Müller: Wir bieten hohe Sicherheitsstandards. Punkt. Das gilt für unsere On-Premise- und Cloud-Lösungen. Ein Beispiel: S/4HANA bietet mit dem letzten Release „Security-by-Default“-Einstellungen, die auch bei mehrmaliger Konvertierung von Systemen bestehen bleiben. Zusätzlich ist es wichtig, für alle SAP-Cloud-Lösungen ein konsistentes Sicherheits- und Identitäts-Management zu etablieren. Dies erreichen wir durch zentrale Services auf der SAP Cloud Platform, die für alle Applikationen verpflichtend sind. Im Bereich Sicherheit gehören neben der sicheren Authentifizierung über Single-Sign-on viele weitere Services dazu, wie für das Key-Management.

Bei der Sicherheit und den anderen angesprochenen Themen gilt: Für uns ist das Feedback der Anwendergruppen extrem wertvoll. Viele Herausforderungen sind komplex und lassen sich nicht von heute auf morgen lösen. Was ich aber versprechen kann: Wir arbeiten bei SAP jeden Tag mit Hochdruck daran, das Bestmögliche für unsere Kunden zu tun.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Bildnachweis: DSAG, SAP SE, Schaller + Partner


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