Bereits im Kindergartenalter ist sie mit ersten Programmiertechniken in Berührung gekommen – und das hat sich letzten Endes ausgezahlt: Anna Hartmann ist heute Geschäftsbereichsleiterin der in4MD Service GmbH und damit quasi ein doppeltes Vorbild für Frauen in der IT und in einer leitenden Position. Und sie ist sich sicher: Ihr Werdegang könnte auch der richtige für viele andere Frauen sein – wenn sie sich nur trauen.

Sie haben sich in einem männerdominierten Studiengang und Beruf erfolgreich durch­gesetzt und sind gleichzeitig auch DSAG-­Sprecherin der Arbeitsgruppe „HANA im Betrieb“. Wie hat das alles angefangen?

Anna Hartmann: Das ist ganz einfach zu beantworten: IT und Technik waren schon immer Teil meines Lebens, und ich war schon immer fasziniert davon. Mein Vater programmiert beruflich industrielle Steueranlagen, und so kam ich von klein auf zuhause damit in Berührung – spätestens mit fünf Jahren wurden mir die ersten Dinge am PC gezeigt. In der siebten Klasse kam dann der Informatikunterricht in der Schule dazu, und es hat mir von Jahr zu Jahr mehr Spaß gemacht. Also habe ich damit als Wahlfach bis zum Abitur weitergemacht, als eines von wenigen Mädchen unter lauter Jungs.

Anna Hartmann, Geschäftsbereichsleiterin der in4MD Service GmbH

Wie ging es nach dem Abitur für Sie beruflich weiter?

Ich entschied mich, Wirtschaftsinformatik in Magdeburg zu studieren. Wir starteten 2009 mit 80 Personen und davon waren gerade einmal fünf Frauen. In den reinen IT-Studiengängen wie Informatik waren es allerdings noch weniger. Erstaunlich hingegen war und ist immer noch, dass in Fächern wie Computervisua­listik, die z. B. für die medizinische Bildgebung essenziell ist, fast 40 Prozent Frauen anzutreffen sind – obwohl dieser Studiengang einen der höchsten Mathematikanteile hat! Sprich, sobald ein Studiengang oder Beruf auch nur ansatzweise einen kreativen Touch hat, entscheiden sich Frauen eher dafür als für Angebote wie z. B. „reine“ Informatik.

Wieso hatten Sie keine Berührungsängste?

Ich habe mir noch nie wirklich Gedanken darüber gemacht, ob ich als Frau für etwas geeignet bin, oder ob ich mich durchsetzen kann. Ich habe mich von klein auf schon immer für Technik und IT interessiert und daher war für mich klar, das ist das Richtige für mich! Im Studium bin ich dann erstmals mit SAP in Berührung gekommen – und dabei ist es dann bis heute geblieben. Und ganz ehrlich: Ich bin darüber sehr glücklich und würde es genauso wieder machen.

Gab es bei Ihnen an der Universität eine Art Förderung innerhalb des Studiums – ganz unabhängig vom Geschlecht?

An der Universität Magdeburg gibt es ein Mentorenprogramm. Am Ende meines ersten Semesters habe ich mich durch den Tipp meines Mentors am SAP University Competence Center (UCC) der Universität Magdeburg beworben und habe so erste wichtige Erfahrungen mit ABAP und der SAP-Welt gesammelt. Nach meinem Bachelor-Abschluss war ich dann zuständig für den HANA-Datenbankbetrieb und die Erstellung der dazugehörigen Lehrmaterialien, so dass ich dadurch viele weitere Erfahrungen sammeln konnte, sowohl fachlich als auch im Dialog mit dem Kollegium und studentischen Hilfskräften, die mir zuarbeiteten. 2016 schloss ich mein Studium dann mit meinem Master ab.

Wie ging es dann mit Ihnen in der IT-Arbeitswelt konkret weiter?

Im Oktober 2018 bin ich in einer leitenden Funktion in die ausgegründete in4MD Service GmbH als Geschäftsbereichsleitung Entwicklung eingestiegen und konzentriere mich jetzt auf Themen wie ABAP, SAPUI5, den SAP-­Werkzeugkasten zum Erstellen plattform-­unabhängiger Web-Applikationen und App­-Entwicklung im Allgemeinen. HANA betreue ich allerdings auch weiterhin. Darauf wollte ich einfach nicht verzichten. Zu unseren Kunden zählen nach wie vor das UCC, aber auch viele Mittelständler und Unternehmen des öffentlichen Sektors. Wir haben insgesamt 25 Mitarbeitende und neben mir gibt es auf Leitungsebene noch zwei Männer. Aber wir handeln und entscheiden auf Augenhöhe, hier werden keine Unterschiede bezüglich Geschlecht oder Stellung gemacht.

Frauen

Quelle: https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/IT-Fachkraefte-Nur-jeder...
(letzter Zugriff 3.12.2019)

Wie ist Ihre Einschätzung bezüglich weiblicher Bewerber für IT-Stellen heute?

Ich sehe keine steigende Tendenz bei den Bewerbungen von Frauen. Grob geschätzt sind es auf 100 Bewerbungen für einen IT-Beruf immer noch nur zehn bis 15, die von Frauen kommen. Das hat sich im Laufe der letzten Jahre also nicht wirklich geändert.

Was denken Sie sind mögliche Gründe dafür, dass sich hier wenig getan hat?

Nach wie vor habe ich den Eindruck, dass Frauen inzwischen relativ aufgeschlossen sind, was die Wahl von Studiengängen oder auch eine Entscheidung für einen typischen Männerberuf betrifft. Wenn hier erst einmal die Hürde überwunden wurde, dann sind alle weiteren Herausforderungen zumeist auch kein Problem mehr. Denn dann gibt es erste Erfolge und auch positive Rückmeldungen, und das wirkt zumeist sehr bestärkend.

Wie erleben Sie selbst den Alltag in dieser von Männern dominierten Branche?

Fakt ist, ich habe inzwischen über zehn Jahre praktische SAP-Erfahrung. Aber ich sehe nach wie vor wohl sehr jung aus und hinzukommt, dass ich nicht besonders groß bin. Wenn ich dann auf einer Fachveranstaltung z. B. zu einem Kreis mir unbekannter Männer dazu stoße, ist die Situation oft folgende: Von fünf Männern drehen sich vier zunächst einmal weg. Das allerdings nur so lange, bis klar ist, wer ich bin und was ich kann. Sobald also bekannt ist, dass ich vom Fach bin, bin ich hundertprozentig involviert. Solche Situationen sind sicher nicht immer schön, aber im Moment eben leider noch Realität.

Women @ DSAG

  • Das Ziel:
        Die weiblichen Mitglieder der DSAG sichtbar machen, fördern und vernetzen. 
     
  • Der Weg:
        Die Initiative dient als Plattform, um berufliche Kontakte zu knüpfen sowie Erfahrungen und Expertise auszutauschen, indem sie die Frauen in der DSAG vernetzt, den Austausch zu den Heraus­forderungen im Beruf ermöglicht und das Thema Chancengleichheit im Arbeitsalltag beleuchtet.
  • Die Vorteile:
        Mit über 14.000 Frauen vernetzen Erfahrungen branchenübergreifend austauschen Neue Kontakte gewinnen
  • Mitmachen:
        Bringen Sie sich ein und gestalten Sie das Netzwerk aktiv mit. Wir laden alle Frauen herzlich ein beizutreten. 

    dsag.de/initiative-women

Wo gibt es Ihrer Meinung nach weitere Unterschiede der Geschlechter?

Frauen hinterfragen mehr und häufiger als Männer und reagieren oft auch emotionaler. Ich habe schon viele Male erlebt, dass Männer leichter etwas hinnehmen als Frauen, etwa Kritik. Insbesondere auf Führungsebenen herrscht manchmal ein etwas rauerer Ton. Hier müssen Frauen auf jeden Fall eine gesunde Portion Robustheit und Selbstbewusstsein mitbringen. In vielen Meetings sitzen in unserer Branche nach wie vor ausschließlich Männer am Tisch. Das macht aber nichts: Frauen können sich hier bewusst erst einmal zurücknehmen, auch um Gefühlslagen genauer zu erkennen und Themen besser ansprechen und lösen zu können.

Was würde helfen, die Situation zu ändern?

Es muss auf jeden Fall mehr Nachwuchsförderung geben, und das beinhaltet für mich u. a. auch konstante Mentorenprogramme von Frauen für Frauen. Wir müssen bereits Mädchen helfen, den richtigen Weg zu finden. Wir müssen ihnen zeigen, dass wir genauso leistungsfähig sind wie unsere männlichen Kollegen und uns genauso gut vernetzen und untereinander helfen können.

Wie engagieren Sie sich genau?

Ich engagiere mich z. B. in der neuen Initiative Women@DSAG. Innerhalb der DSAG beträgt der Frauenanteil im Moment 23 Prozent, das sind 14.300 Frauen bei insgesamt 61.000 Mitgliedern. Von diesen Frauen sind gerade einmal 52 in Funktionsträgerpositionen, das sind magere 17 Prozent. Und weiter runtergebrochen bleiben dann nur noch 24 Frauen in einer Sprecherinnenposition, das entspricht 15 Prozent. Das ist definitiv zu wenig. Wir werden die Sichtbarkeit von Frauen in der DSAG erhöhen und wollen Themen wie Networking und fachliche Aus- und Weiterbildung in den Fokus stellen. Denn in Zukunft soll es nicht mehr heißen „Frauen mit Menschen und Männer mit Maschinen“, sondern es soll – beruflich und fachlich – am besten überhaupt keine Unterschiede mehr geben!

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Bildnachweis: Daniella Winkler + iStock


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