Von diesem Lebenslauf plus Karriere träumt so manche(r): Geboren in Schweden, größtenteils aber in München und Bremen aufgewachsen, promovierte Karin Gräslund Ende der Neunzigerjahre in Wirtschaftsinformatik, gründete diverse Start-ups mit und war früh vom WWW-Potenzial fasziniert. Seit Oktober 2020 ist sie nun auch DSAG-Fachvorständin für Finanzen, neben ihrer Professur für Finanzen & Business-Information-Management an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden. Dort bildet sie seit vielen Jahren immer mehr neue, auch weibliche Führungskräfte aus und weiß: Ein Role-Model ist alles, ein Netzwerk obendrauf das Nonplusultra.

Wir schreiben das Jahr 2021: Frauen in der IT, in typischen Männerdomänen oder in Führungspositionen werden zwar mehr, sind aber nach wie vor zu wenige. Wie wurden Sie die, die Sie heute sind?

Karin Gräslund: Ich stamme aus einem sehr kreativen und kunstorientierten Architektenhaushalt, wurde viel durch Entwürfe und Modelle angeregt und durfte viel ausprobieren. Allerdings habe ich schnell gemerkt, dass ich in diesem Bereich nie so erfolgreich sein werde wie der Rest meiner wirklich sehr begabten Familie. Das war aber nicht weiter schlimm, denn mein Interesse an Biologie und Chemie war schnell deutlich größer. Glücklicherweise hatte ich wirlich tolle Lehrer, die mich mit ihrer praxisnahen Art der Wissensvermittlung gepackt und insbesondere für Naturwissenschaften nachhaltig begeistert haben.

Wie sah Ihr beruflicher Werdegang, Ihre ersten Schritte nach der Universität aus?

Nach dem Abitur war ich wirklich hin- und hergerissen: Chemie und Wirtschaft fand ich toll, in Biochemie absolvierte ich kurze Praxisphasen bei einem Forscher-Team zur Krebsforschung. Letzten Endes bin ich dann bei den Wirtschaftswissenschaften und dort, wieder durch inspirierende Dozenten, bei der Wirtschaftsinformatik gelandet. Mein Weg hat mich dann als Stipendiatin von Bremen über Reutlingen nach Hohenheim geführt, wo sich alle für mich spannenden Inhalte vereinten: gesellschaftspolitische Relevanz der Studienfächer sowie erste Schritte und praktische Anwendungsszenarien im World Wide Web.

Women@DSAG

Ziel der Initiative Women@DSAG, der inzwischen knapp 1.000 weibliche DSAG-Mitglieder angehören, ist es, Frauen in der DSAG sichtbar zu machen, zu fördern und zu vernetzen. Women@DSAG dient als Plattform, um berufliche Kontakte zu knüpfen sowie Erfahrungen und Expertise auszutauschen, indem sie die Frauen in der DSAG vernetzt, den Austausch zu den Herausforderungen im Beruf ermöglicht und das Thema Chancengleichheit im Arbeitsalltag beleuchtet.

dsag.de/womendsag

Woran denken Sie, wenn Sie Ihren Start in der Welt der IT rekapitulieren?

Ende der Achtziger-, Anfang der Neunzigerjahre stand das Internet gerade in den Startlöchern, und wir saßen vor schwarzen Bildschirmen und überlegten uns, ob wir grafische Windows-Oberflächen tatsächlich jemals brauchen werden. Wie diese Geschichte ausging, wissen wir inzwischen. 1992, nach dem Diplom und mit einigen wichtigen Erfahrungen im Gepäck zu Themen wie Expertensystemen (neudeutsch Machine-Learning) und Industrieforschung, war ich erst als studentische und später als wissenschaftliche Mitarbeiterin in mehreren Software-Firmen und einem Fernstudien-Forschungsinstitut sowie am Lehrstuhl Wirtschaftsinformatik tätig. Dort gründeten wir aus der Uni heraus die InformationsTechnologie Management (ITM) GmbH in Stuttgart.

Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht, die Sie geprägt haben?

Mein Einstieg hier war gleich die Rolle der Führungskraft eines eigenen Beratungsbereiches. Erstaunlicherweise habe ich in diesem Start-up-Umfeld wirklich von Beginn an immer viele Kolleginnen und auch einige weibliche Vorgesetzte gehabt, das Verhältnis war meist fast ausgeglichen. Was mir aber von Anfang an aufgefallen ist: Ohne Netzwerk und Mentoren funktioniert für weibliche Fach- und Führungskräfte auch hier nichts. Wichtig ist es, immer offen zu sein, sich bietende Gelegenheiten rasch und beherzt zu ergreifen. Mitarbeitende müssen sich über Hierarchien hinweg gegenseitig zuhören, den Dialog manchmal auch gezielt suchen. Meine wohl wichtigste Fähigkeit, die ich mir hier von guten Vorbildern aneignen konnte: Erstens einen Vertrauensvorschuss geben, in der Regel der Fälle zahlt sich dies enorm aus. Nur ganz selten wird man von schwarzen Schafen enttäuscht, die einen jedoch nicht von diesem Prinzip abbringen sollten. Zweitens Großzügigkeit: Anderen ab und zu auch ohne direkte Gegenleistung einen Gefallen tun. Wenn man etwas gibt, bekommt man eigentlich immer irgendwann etwas zurück, auch wenn nicht notwendig direkt vom Adressaten der eigenen guten Tat. Man schafft aber ein großzügiges und wohlwollendes Klima, und das ändert viel!
 

Erst seit kurzem werden Quoten für Frauen in Führungspositionen umgesetzt, und selbst das schleppend. Wie denken Sie darüber?

Fakt ist, wir leben in einer Aufmerksamkeitsökonomie. Und das haben die meisten Männer leider immer noch besser verstanden als viele Frauen und verhalten sich deshalb wie folgt: Sie halten sich nicht zurück, unterbrechen das Gegenüber wenn nötig auch mal, machen auf sich aufmerksam, um nicht vergessen zu werden. Solches Verhalten wird bei Männern ganz anders toleriert als bei Frauen. Ich persönlich habe das für mich folgendermaßen gelöst, auch wenn ich oftmals, sei es zu Recht oder Unrecht, als vorlaut bezeichnet wurde: Wenn mir etwas unannehmbar erscheint, setze ich mir eine Frist, wie lange ich diesen Zustand noch tolerieren kann. Und dann ändere ich es. Und genauso bin ich zu Beginn der Zweitausenderjahre zur SAP gekommen.

Was geben Sie insbesondere Kolleginnen und Neueinsteigerinnen mit auf den Weg?

Reflektiert dominantes Verhalten und Körpersprache und kontert mit Gegenposen! Ehrlich gesagt überrascht es mich immer wieder, leider meist negativ, welche Verhaltensweisen heute noch Usus sind. Klar wird einem das erst, wenn man ganz genau hinsieht und hinhört, etwa bei dem wirklich tollen Vortrag „Spiele mit der Macht“ von Marion Knaths vor einigen Jahren: Sie erklärte, was genau bestimmte Gesten und Körperhaltungen bedeuten, z. B. die Hand auf der Schulter oder die Hand im Rücken einer Mitarbeiterin. Visuell und deshalb subtil „dominiert“ jemand damit andere, gerne Frauen gegenüber Dritten, und dies gerne in Situationen, in denen genau diesen Frauen gerade Anerkennung und Aufmerksamkeit zuteil wird. Mit Dominanzgebaren zeigt jemand somit klar an, wer hier „eigentlich“ die Richtung vorgibt, und da muss frau dagegenhalten. Natürlich gibt es aber auch die andere Seite, viele tolle männliche Förderer und Mentoren, denen das Geschlecht völlig egal ist, für die der Beitrag und die Fähigkeiten der Mitarbeitenden zählen.

Für gutes fachliches und Führungsverhalten gilt: Immer miteinander auf Augenhöhe agieren und reagieren, sachlich, aber empathisch und kritikfähig bleiben. Und ganz wichtig: Generell gibt es keinen weiblichen Stil, viel davon ist bis heute eine fixe Geschlechterzuweisung, die jedoch mehr mit Erziehung und Historie zu tun hat als mit unserer Natur.

Fakt ist, wir leben in einer Aufmerksamkeits­ökonomie. Und das nutzen viele Männer leider oftmals immer noch besser als viele Frauen.
Karin Gräslund
DSAG-Fachvorständin für Finanzen und Professorin für Wirtschafts- und Finanzinformatik an der Wiesbaden Business School der RheinMain Universität für angewandte Wissenschaften Wiesbaden & Rüsselsheim

Wie lassen sich Mädchen und junge Frauen noch besser für Technik & Co. begeistern?

Vor allem für Frauen in techniklastigen Studiengängen müssen wir noch stärker den Gestaltungsaspekt herausarbeiten, dass z. B. SAP viel mehr ist als nur IT und Informatik und entsprechend fächerübergreifend Anwendung findet, also etwa auch in Maschinenbau oder Produktdesign. Und dass das nicht nur interessant ist, sondern auch neue Anwendungsfelder und später innovative Berufsmöglichkeiten schafft. Was die Schulzeit betrifft: Es steht und fällt mit den Menschen, den Lehrern und Mentoren. Wenn der Biologie- oder Chemielehrer anhand Grundlegendem und praktischer Experimente zeigt, etwa wie saurer Regen entsteht, wie man ihn nachweist und was er in der Natur bewirkt, vergisst dies kein Schüler so schnell. Sowas bleibt haften, damit gewinnt man das Interesse der Kinder!

Was erwarten Sie für die Zukunft in Ihrer neuen Funktion als DSAG-Fachvorständin?

Ich kenne die DSAG ja schon länger und daher freut es mich umso mehr, dass ich zur neuen Fachvorständin Finanzen gewählt wurde. Elan habe ich mehr als genug, und ich kenne viele tolle Leute, z. B. aus unseren Arbeitskreisen. Von daher ist es mir eine sehr große Ehre, und ich freue mich auf die Zeit und all die Themen und Projekte, die noch kommen!

Wie planen Sie konkret, sich für die Initiative Women@DSAG einzubringen?

Sowohl die Organisationsveränderung der DSAG im Jahr 2018 als auch Women@DSAG halte ich für wichtig und sehr authentisch umgesetzt! Es ist mir ein großes Anliegen, vor allem auch Frauen so gut auszubilden, zu motivieren und zu fördern, mit unternehmerischer Kompetenz und tiefem Verständnis für die Arbeitswelt von heute auszustatten, dass sie die Realität in Fach- und Führungspositionen weiter verbessern! Ich will mich hier weiter einbringen, bestärken, helfen und vor allem vorleben. Denn ohne Role-Model, und wie gesagt, den kleinen Gefallen bzw. eine selbstlose Förderung ab und zu, geht es nicht – das hat mich mein Berufsleben selbst gelehrt und das will ich auch gerne so weitergeben!

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Bildnachweis: DSAG, Flaticon.com

Das Gespräch führte


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