Selbstfahrende Autos gibt es bereits. Wieso also nicht auch Lkw, deren Fahrer sich auf dem Ladeplatz selbst einchecken? Das dachte sich die österreichische Wienerberger AG und machte sich daran, ihr Lager zu digitalisieren. Ein Ziel des Baustoff- und Infrastrukturlösungen-Anbieters: Papierbasierte Prozesse sollten abgelöst und Lagermitarbeitende entlastet werden. Technisch setzte das Unternehmen dazu auf eine UI5-basierte Lösung, die an das SAP ERP 6.0 angebunden wurde.

Die Branche der Baustoff- und Infrastrukturlösungen ist wie viele andere auf dem Weg in die Digitalisierung. Eine höhere Effizienz, Kosteneinsparungen und Prozessoptimierungen versprechen sich viele vom Abschied von manuellen Prozessen. Die Wienerberger AG hat z. B. in einem entsprechenden Projekt ihren Logistikbereich digitalisiert. Dabei verfolgte das Team um Gabor Tisler, Corporate Product Owner SAP Order-to-Cash, die Idee des papierlosen digitalen Lagers (Digital Stockyard, DSY). Das Ziel: Vom Lagerarbeiter über die Tätigkeiten der Lkw-Fahrer bis hin zur Disposition alle Bereiche digital zu unterstützen. Das betrifft unter anderem Kommissionierscheine und Ladelisten, aber auch die Kommissionierung selbst, die Verpackung und den Ladeprozess.

Mobile Geräte im Werk und Lager einführen

Die Entscheidung, den geplanten Prozess mit SAP-Mitteln umzusetzen, stand eigentlich nie in Frage. „Wienerberger setzt seit mehr als 20 Jahren SAP ein und mit der UI5-Technologie haben wir ein mächtiges Tool gewonnen, um im Rahmen der Digitalisierung die Logistikprozesse und die Einführung von mobilen Geräten im Werk und Lager sehr gut zu unterstützen“, erzählt Gabor Tisler. In dieser Richtung soll in Zukunft noch weiter vorangegangen werden, um die Produkte weiterzuentwickeln und bei Bedarf weitere digitale Prozesse zu realisieren.

Weg vom papierbasierten Prozess hin zum digitalen Lager: Die Wienerberger AG hat das bereits in zahlreichen Werken erfolgreich vorgemacht und weitere sollen folgen.
Weniger Wege für die Stapler

Der große Vorteil liegt eindeutig im papierlosen Echtzeit-Auftragsprozess. Sobald der Lkw den Check-in absolviert hat, bekommt ein Staplerfahrer die Info auf seinem Tablet angezeigt. Das bedeutet geringere Durchlaufzeiten beim Be- und Entladen der Lkw, einen besseren Kundendienst, da durch die Digitalisierung weniger Kommissionier- und Lieferfehler passieren, und damit auch eine höhere Kundenzufriedenheit. Es fallen auch deutlich weniger Wege und weniger Wegstrecke für die Gabelstapler an, die früher immer wieder zum Empfang fahren mussten, um zu sehen, ob ein neuer Lkw eingetroffen ist. Heute meldet das Tablet die Ankunft am Check-in und der Stapler kann sich „just-in-time“ auf den direkten Weg machen. Da zudem die momentan eingecheckten Lkw auf dem Tablet sichtbar sind, lässt sich die tägliche Arbeitsbelastung gezielt ablesen und entsprechend steuern. Aber auch das Abändern von Lieferungen, das Quittieren von Lageraufträgen und die Inventurzählungen erfolgen heute komplett papierlos in einer Warehouse-Operator-Applikation. Sobald ein neuer Lieferbeleg angelegt wurde, werden aus SAP heraus die Partner automatisch informiert und zeitgleich die Referenzbelegnummer übermittelt, mit der später am Terminal eingecheckt werden kann. Damit wird sichergestellt, dass der Lkw-Fahrer immer eine Referenznummer dabei hat. Gleichzeitig unterstützt der Digital Stockyard neben lieferbezogenen Aufgaben auch bei internen Buchungen, beim Produktionswareneingang sowie bei Umlagerungen und der Inventur.

Wienerberger AG

Die österreichische Unter­nehmensgruppe ist internationaler Anbieter von smarten Lösungen für die gesamte Gebäudehülle und Infrastruktur. Mit gruppenweit 197 Produktionsstandorten in 30 Ländern und rund 17.000 Mitarbeitenden erwirtschaftete Wienerberger im Jahr 2020 einen Umsatz von 3,4 Mrd. Euro.

wienerberger.com
Deutlich weniger menschliche Interaktion

Früher musste ein ankommender Lkw-Fahrer erst einmal zum Empfang, um sich anzumelden. Eingeschränkte Öffnungszeiten und etwaige Sprachbarrieren konnten den Vorgang ins Stocken bringen. Ganz zu schweigen von der Zeit, die verging, bis Ladelisten und Sicherheitsregeln gedruckt, erklärt und unterschrieben waren, der Fahrer zur Ladestelle navigiert wurde, Zeitstempel bei Ankunft und Abfahrt gesetzt, … kurz: alle manuellen Prozesse abgewickelt waren. Das galt sowohl für die Beteiligten bei Wienerberger als auch für die Lastkraftwagenfahrer selbst.

Gabor Tisler, Corporate Product Owner SAP Order-to-Cash, bei der Wienerberger

Heute sind all diese Prozesse digitalisiert: Von der Vorkommissionierung (Pre-Picking), über den Check-in/Check-out bis zum Lade-/Entladeprozess. Die Abläufe werden über Check-in-/Check-out-Terminals von den Fahrern selbst gesteuert, ohne dass Wienerberger-Mitarbeitende involviert sind. „Das digitale Lager wurde so entworfen, dass es sowohl inventurgeführte Lager als auch solche mit SAP-Warehouse-Management unterstützt. Im ersten Fall steht die manuelle Arbeit mit dem Tablet im Vordergrund, im zweiten mehr der Barcode-Scan mit Anbindung an das Tab­let“, berichtet Gabor Tisler.

Neuer Standardprozess für Lieferungen

Wichtig für die Akzeptanz des Tools bei den Mitarbeitenden war eine einfach aufgebaute und selbsterklärende Applikation. „Eine komplizierte App, bei der drei von fünf Lkw-Fahrern bei der Handhabung unterstützt werden müssen, hätte keiner Seite genützt“, fasst Gabor Tisler zusammen. Außerdem wurde mit der Lösung ein neuer Standardprozess für die Lieferungen etabliert, da bei Wienerberger bisher nur mit einzelnen Lieferscheinen gearbeitet wurde. „Den neuen Standard mit Auslandsgesellschaften abzustimmen, die teilweise jahrzehntelang anders gearbeitet haben, war ein wichtiger Schritt“, so Gabor Tisler.

Transparente Prozesse sparen Zeit

Die Mitarbeitenden im Lagerbereich sehen die neue Lösung insgesamt sehr positiv. Sie profitieren von professionelleren und transparenteren Prozessen und sparen viel Zeit. Und die Lkw-Fahrer wissen unter anderem sehr zu schätzen, dass sie in mehreren Sprachen durch den Check-in-Prozess geleitet werden.
Weitere Digitalisierungsprojekte im Logistikbereich von Wienerberger sind, neben dem Self-Check-in, Digitrans und PICASSO. Digitrans bezeichnet ein Frachtkommunikationsprojekt zur Digitalisierung der Vor- und Nachlagerprozesse rund um die Transportorganisation, Ausschreibungen, Entladegebühren, Spezialdienste wie Track-and-Trace, Zeitfenster-Management der Abholungen und mehr.

Die Eigenprogrammierung PICASSO (Pipelife Cargo and Stock Management Solution) ist eine mobile Warehouse-Lösung für die Business-Unit Wienerberger Piping Solution (WPS), ebenfalls auf Basis der UI5-Technologie. Darüber werden sämtliche Lagerlogistikprozesse, vom Warenein- und -ausgang über interne Warenbewegungen sowie das Management der Handling-Units bis hin zu Verpackungsmaterial, die Lkw-Beladung und die Inventur für die unterschiedlichen Länder, abgewickelt. „Ein besonderes Feature der Lösung: Sie unterstützt die RFID-Identifizierung von Waren, was z. B. in Finnland wichtig ist, wo im Winter die Barcodes gerne mal von einem Meter Schnee verdeckt werden“, weiß Gabor Tisler.

Arbeitsgruppe Lagerlogistik/EWM

Die mehr als 1.300 Mitglieder der Arbeitsgruppe befassen sich unter anderem mit der Einführung von SAP-Lager­logistiksystemen, der Integration in bestehende Systemlandschaften, der Lagerplatzverwaltung und der Optimierung sowie der Abbildung von Warenbewegungen.
dsag.de/ag-lagerlogistik

dsagnet.de/go/ag-lagerlogistikewm
Schritt für Schritt live gehen

Unternehmen, die planen, ihre Lagerwirtschaft zu digitalisieren, rät Gabor Tisler, die Lagermitarbeitenden am besten schon zu Beginn der Design-Phase in das Projekt einzubeziehen. „Am Ende sind es die Anwender, die das Tool akzeptieren und in Zukunft damit arbeiten müssen.“ Außerdem hat sich als hilfreich erwiesen, Schritt für Schritt live zu gehen. Das gibt den Mitarbeitenden die Möglichkeit, sich einfacher mit den digitalen Tools vertraut zu machen. Denn in der Baumaterialindustrie ist die Digitalisierung noch nicht so weit verbreitet. Ein Big-Bang wäre da ein sehr herausfordernder Ansatz gewesen. Es ist zudem sinnvoll, wenn die Prozesse und die Konfiguration des SAP-Systems so nah wie möglich am Standard bleiben. „Die kundenspezifischen Anforderungen sollten eher auf der Seite des Front­end erledigt werden“, so Gabor Tisler.

Der Self-Check-in für Lkw bei Wienerberger

  • Der Lkw-Fahrer kann selbstständig ein- und auschecken.
  • Das Check-in-Terminal verfügt über einen Touchscreen und eine Tastatur zur Eingabe der erforderlichen Informationen.
  • Der Lkw-Fahrer gibt beim Einchecken seine Ladereferenz am Check-in-Terminal ein. Dies ist entweder eine Lieferungsnummer oder eine Sendungsnummer. Dadurch werden alle erforderlichen Informationen in der Lieferung erfasst.
  • Die Anwendung informiert über die Sicherheitsrichtlinien.
  • Der Abschluss des Eincheckvorgangs löst eine Nachricht an den Gabelstaplerfahrer aus.
Ziel: Industrie 4.0

Bezogen auf die digitale Supply-Chain ist die Wienerberger-IT noch längst nicht am Ende angekommen. Ganz im Gegenteil: Ein Projekt jagt das nächste. „Zum einen müssen wir sicherstellen, dass der Einsatz der vorhandenen Lösungen weiterhin problemlos funktioniert. Zum anderen wollen wir unseren Digital Stockyard weiter ausrollen“, erläutert Gabor Tisler. Insgesamt profitieren bisher mehr als 30 Werke vom digitalen Lager und noch etwa 120 weitere sollen aus der Innovation einmal Nutzen ziehen. Koordiniert wird das gesamte Projekt-Management des Rollouts auf der Business-Seite vom Head of Supply-Chain-Management von Wienerberger.

Darüber hinaus will das Unternehmen PICASSO weiter vorantreiben, und gleichzeitig wird in Richtung Lade- und Routenoptimierungs-Tools für eine bessere Versandplanung gedacht. Auch die Eingangsrechnungsdigitalisierung, die automatische Auftragsanlegung und ein Digital-Plant-Ansatz werden verfolgt. „Im Produktionsbereich ist Digitalisierung eines der wichtigen strategischen Themen im Haus. Dafür setzen wir bereits die SAP Manufacturing Integration and Intelligence ein“, so Gabor Tisler. Der Experte ist sich sicher: Auf dem weiten Weg zu Industrie 4.0 wird es dem Wienerberger-Team sicherlich nicht langweilig.

 

Bildnachweis: Anna Polywka + Shutterstock, Wienerberger AG

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